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Was nie Stunden gekostet hat, kann keine Zeit sparen

Mein Rechner lief 22 Stunden über mein Fotoarchiv und hat mir keine einzige Stunde erspart. Trotzdem war es der nützlichste Lauf, den ich bisher gemacht habe. Und der Grund dafür erklärt, warum in Unternehmen die immer gleichen Hausaufgaben liegen bleiben.


Mehr als fünfzehn Jahre Fotos liegen bei mir auf einer Festplatte, und bis vor kurzem war das einzige Ordnungsmerkmal ein Dateiname. Wer im Fotoarchiv etwas Bestimmtes suchte, scrollte endlos. Vor ein paar Tagen habe ich ein kleines, auf Bilderkennung spezialisiertes Modell über die gesamte Sammlung laufen lassen, lokal auf meinem eigenen Rechner, keine Übertragung in die Cloud. Das Modell hat beschrieben, was auf den Bildern zu sehen ist — Personen, Orte, Situationen, Gegenstände — und das Ergebnis in die Metadaten der Dateien zurückgeschrieben, also in die Zusatzinformationen, nach denen sich später suchen lässt. Der Rechner lief 22 Stunden, über Nacht und in den nächsten Tag hinein. Danach dachte ich: "Gespart habe ich damit allerdings bisher keine einzige Stunde."

Denn die reflexhafte Rechtfertigung wäre eigentlich: "Das hätte mich sonst Wochen gekostet". Das stimmt sogar; nur hätte ich diese Wochen nie aufgewendet. Die Aufgabe stand auf keiner Liste. Sie war kein Vorhaben, das ich vor mir herschob, sondern eines, das ich nie gefasst hatte. Wer nachrechnet, kommt deshalb zwangsläufig auf einen Zeitverlust: Aufwand ja, Ersparnis null. Das spricht allerdings eher gegen diese Art zu rechnen, nicht gegen die Durchführung. Eine Ersparnis braucht einen Vorher-Wert, und für alles, was nie getan wurde, ist der Vorher-Wert nun mal NULL.

Bekommen habe ich zunächst etwas anderes als Zeit: einen katalogisierten Bestand, der vorher nicht nutzbar war und den ich jetzt durchsuchen, filtern und weiterverarbeiten kann — auf Arten, die mir heute noch nicht einfallen. Das ist ökonomisch kein Sonderfall. William Stanley Jevons beschrieb schon 1865 am Beispiel der Kohle, dass der Verbrauch einer Ressource steigt, sobald sie billiger wird — weil sich plötzlich Verwendungen lohnen, die vorher zu teuer waren. Erik Brynjolfsson, Daniel Rock und Chad Syverson haben 2021 die Kehrseite beschrieben: Neue Basistechnologien drücken die gemessene Produktivität zuerst nach unten. Denn das Geld fließt zunächst in Werte, die keine Statistik erfasst — in Prozesse, Fähigkeiten, aufbereitete Daten. Erst wenn diese Werte tragen, dreht die Kurve nach oben. Also zeitversetzt und halt teilweise auch überraschend in Bereichen, die man vorher gar nicht für den Einsatz in Betracht gezogen hatte. Um den beobachteten Einbruch beim Produktivitätswachstum allein mit KI zu erklären, müssten diese unsichtbaren Investitionen nach ihrer Schätzung das Zwei- bis Vierfache der sichtbaren betragen. Meine 22 Stunden liegen, sehr im Kleinen, in dieser ersten Phase.

Der größte Fall dieser Art heißt ImageNet. Fei-Fei Li ließ ab 2007 Millionen Bilder von Klickarbeitern in Zehntausende Kategorien einsortieren, ohne dass jemand hätte sagen können, wofür das genau taugt; 2009 wurde der Datensatz vorgestellt. Was er wert war, zeigte sich 2012: Er wurde zur Grundlage für den Durchbruch neuronaler Netze und damit für einen Großteil dessen, worüber wir heute reden. Der Wert lag nicht in der Verschlagwortung selbst, sondern in dem, was sie drei Jahre später möglich machte.

Jedes Unternehmen hat sein "Fotoarchiv", es heißt dort nur anders: Materialstämme, Kundenstämme, Lieferantenverzeichnisse, Vertragsablagen, zwanzig Jahre Projektlaufwerk. Gewachsen, uneinheitlich gepflegt, halb verschlagwortet, über Abteilungen verteilt — und niemand fasst es an. Die Gründe sind aus der jeweiligen Sicht vernünftig: Der Aufwand ist sicher, der Nutzen vage. Keine Abteilung hat eine Kennzahl, die davon abhängt, also gibt es keinen Auftraggeber und keinen Verantwortlichen. Und eine Wirtschaftlichkeitsrechnung, die auf eingesparten Stunden aufbaut, geht nicht auf, weil bisher nie Stunden dafür aufgewendet wurden. Was sich geändert hat, ist der Preis des Einstiegs: Ein Rechner, der über Nacht arbeitet, kostet Strom. Und bei allem, was Betriebsgeheimnis oder personenbezogen ist, bleiben die Daten mit einem lokalen Modell im Unternehmen; die Frage nach einem Cloud-Anbieter stellt sich gar nicht erst. Bei fünfzehn Jahren Fotoarchiv war das für mich die Voraussetzung, nicht die Sparvariante. Ob die Verschlagwortung meiner Bilder wirklich taugt, habe ich stichprobenhaft geprüft und bin trotz einiger Limitierungen zufrieden. Denn sicher ist eines: Ein erschlossener Bestand (selbst mit einigen Ungenauigkeiten) ist in jeder denkbaren Zukunft mehr wert als derselbe Bestand, unauffindbar über Silos verteilt. Der Aufwand ist einmalig und begrenzt, der Nutzen offen nach oben. Wer solche Vorhaben mit dem Satz ablehnt, das spare doch keine Zeit, hat formal recht und trotzdem strategisch falsch entschieden.

Aufbereitet und verfasst mit KI-Unterstützung