Schauen Sie in eine beliebige Präsentation zur KI-Einführung, und Sie finden dieselben zwei oder drei Zahlen. Wie viele Beschäftigte KI im Arbeitsalltag benutzen. Wofür sie sie einsetzen. Wie sich das über die Monate verschiebt. Fast alle diese Zahlen stammen von den Firmen, die KI verkaufen. Das ist kein Vorwurf, sondern eine Folge der Datenlage: Niemand sonst sieht, was Menschen in diese Programme hineinschreiben. Wer eine Aussage darüber braucht, nimmt die Auskunft des Anbieters oder hat gar keine.
Wie stark diese Auskunft den Blick verengt, lässt sich jetzt grob beziffern. Eine Forschergruppe um Anka Reuel in Stanford und Shayne Longpre am MIT hat unter dem Namen AI Observatory 24.521 echte Unterhaltungen mit rund fünfzig verschiedenen Programmen zusammengetragen. Die Nutzer hatten sie freiwillig für die Forschung freigegeben. Dann wandten die Forscher dasselbe Auswahlverfahren an, mit dem der KI-Anbieter Anthropic seinen viel zitierten Nutzungsbericht erstellt. Dabei fielen rund achtundvierzig Prozent der Gespräche heraus. Nicht weil sie unbrauchbar wären, sondern weil das Verfahren gezielt nach Arbeit und Produktivität sucht und alles andere aussortiert. Heraus fielen vor allem Gespräche über Gesundheit, Beziehungen, Streit und Alltag.
Damit täuscht niemand. Ein Bericht, der ausdrücklich die berufliche Nutzung untersucht, tut genau das Richtige, wenn er private Gespräche ausschließt. Das Problem entsteht in der Weitergabe. Aus „so verteilt sich die berufliche Nutzung" wird in der dritten Präsentation „so benutzen Menschen KI". Darauf werden dann Entscheidungen über Schulungen, Richtlinien und Budgets gestützt. Die Gegenprobe hat übrigens selbst eine Schwäche, die die Forscher offen benennen: Wer seine Chatverläufe freiwillig für Forschung freigibt, verhält sich vermutlich anders als der Durchschnitt.
Für ein Unternehmen ist die Folge unbequemer, als sie klingt. Die Berichte der Anbieter taugen als Hintergrund, aber sie sagen nichts über Ihr Unternehmen aus. Sie sagen nicht, ob Ihre Mitarbeitenden die Werkzeuge für die richtigen Aufgaben einsetzen, wo sie hängenbleiben, welche Arbeit sie inzwischen gar nicht mehr selbst machen. Diese Fragen kann Ihnen niemand von außen beantworten. Die Antwort liegt in Ihren Abläufen, nicht im weltweiten Durchschnitt.
Aufschlussreich ist ein zweiter Befund aus derselben Erhebung: Die Nutzung fällt je nach Programm deutlich unterschiedlich aus. Bei einem Anbieter überwiegt Programmierarbeit, beim nächsten das Nachschlagen von Informationen, beim dritten Rollenspiel und Unterhaltung. Selbst zwischen zwei Versionen desselben Programms verschieben sich Länge und Verlauf der Gespräche spürbar. Wer daraus ableitet, das eine Werkzeug sei für ernsthafte Arbeit da und das andere nicht, verwechselt Gewohnheit mit Eignung. Diese Muster sagen vor allem etwas darüber, womit die Leute angefangen haben.
Die praktische Konsequenz wird selten gezogen. Wenn Sie in einer Vorlage eine Zahl zur KI-Nutzung sehen, fragen Sie nach der Quelle und danach, was bei der Erhebung ausgeschlossen wurde. Das dauert eine Minute und verändert meistens, wie viel Aussagekraft die Zahl wIrklich hat. Und wenn Sie wissen wollen, wie in Ihrem Unternehmen mit KI gearbeitet wird, führt kein Weg daran vorbei, ein paar Mitarbeitende zu fragen und ihnen bei der Arbeit zuzusehen. Das ist mühsamer als eine fremde Prozentzahl. Es ist aber die einzige Zahl, die Ihnen gehört.