Boris Cherny hat Claude Code gebaut, das Programmierwerkzeug von Anthropic, mit dem KI-Agenten selbstständig Software schreiben. Ende Juni beschrieb er öffentlich, wie sein eigenes Team arbeitet — und verzichtete dabei komplett auf Jobtitel. Er zählte fünf Arbeitstypen auf: einen, der laufend neue Ideen anreißt, von denen die meisten nie erscheinen. Einen, der aus einem Prototyp ein stabiles Produkt macht. Einen, der aufräumt, vereinfacht und Überflüssiges abschaltet. Einen, der ein fertiges Produkt so lange verbessert, bis es seine Nutzer findet. Und einen, der ein reifes System sicher und schnell hält. Diese Typen, so Cherny, liegen quer zu den Funktionen: Manche Designer arbeiten wie Ideengeber, manche Entwickler wie Aufräumer, manche Produktmanager wie Pfleger reifer Systeme.
Nathaniel Whittemore greift die Beobachtung im AI Daily Brief auf und stellt die Frage dahinter: Was bleibt von einer Rolle, wenn KI-Agenten die Ausführung übernehmen? Seine Antwort setzt bei der Menge an: Agenten erzeugen in kurzer Zeit sehr viel — Entwürfe, Analysen, Code, Texte. Knapp wird dadurch anderes. Jemand muss aus vielen Varianten die brauchbare auswählen. Jemand muss draußen aufspüren, was die Organisation als Nächstes angehen sollte. Jemand muss die vielen Teile zusammenhalten, die gleichzeitig entstehen. Um dieses Auswählen, Erkunden und Koordinieren herum entstehen Rollen, für die es heute keine Stellenbeschreibung gibt.
Wie das im Alltag aussieht, zeigt Whittemores Beispiel aus der Verwaltung: Eine Sachbearbeiterin, die einen kniffligen Spesen-Sonderfall immer wieder von Hand bearbeitet, hätte früher ein Ticket an die IT geschrieben und ein Quartal gewartet. Heute baut sie sich das kleine Werkzeug dafür selbst. Das ist Prototypenarbeit, nur eben mitten im Tagesgeschäft statt in der Produktabteilung. Whittemore fasst es so: Wenn Machen billig wird, wächst in jeder Funktion ein Macher.
Für die Arbeit an der eigenen Organisation ist diese Brille nützlicher als die übliche Debatte darüber, welche Jobs KI ersetzt. Wer nach dem Wegfall fragt, bekommt Prognosen und Abwehr. Wer fragt, welche Arbeitstypen das eigene Team braucht und wer heute schon welcher ist, bekommt Entscheidungen: Wen setze ich auf neue Ideen an? Wem gebe ich die reifen Systeme? Wo fehlt uns jemand, der auswählt statt produziert? Jobtitel beantworten diese Fragen immer seltener — Chernys Liste ist ein brauchbarer Anfang, um sie neu zu stellen.